Fünf uralte Lehren über das Leben

von Sacinandana Swami (März 2008)

Als ich heute spazieren ging, bemerkte ich, wie meine Gedanken über das blaue Meer flogen, hin zu einer Insel, die in der Ferne schimmerte. Als sie zurück kamen, brachten sie eine Geschichte mit – eine Geschichte der spirituellen Unterweisung. Die Wege der Inspiration sind seltsam.

Hier ist die Geschichte:

Als Mohan von seiner Reise nach Jagannatha Puri zurückkehrte, war er ein anderer Mensch. Diejenigen, die ihn noch nie getroffen hatten, waren von seinem Charakter beeindruckt, aber jene, die ihn vorher gekannt hatten, waren misstrauisch. Warum war sein Verstand plötzlich so klar und warum war er plötzlich so glücklich? Es schien keinen guten Grund dafür zu geben, denn als Mohan in Puri gewesen war, hatte sein spiritueller Meister, Gurudeva, seinen Körper verlassen.

Mohan war Gurudevas Schüler geworden, als sie beide in den Himalayas waren, in der Nähe von Devaprayag. Mohan war ein langsamer Schüler und zu beschäftigt mit seinen Äckern und zwei Kühen, um viel Zeit mit spiritueller Praxis zu verbringen. Dennoch hegte er ein tiefes Interesse an der Tradition seiner Vorväter und war dann und wann zu Gurudeva gegangen, um von ihm zu lernen.

Dann schlug das Unglück doppelt zu. Zuerst starb Mohans Frau an Tuberkulose. Das Paar hatte keine Kinder, aber ihre Kühe, die ihnen wie abhängige Kinder waren, wurden eines Tages von einem Tiger getötet. Es schmerzte Mohan sehr, in einem Jahr so viel zu verlieren.

Danach bat Gurudeva Mohan ihn nach Puri zu begleiten. Als er ihn einlud, hatte Gurudeva lange in Mohans Augen geschaut und geheimnisvoll gesagt: „Am Strand von Puri rauscht das Meer. Ich habe das Gefühl, dass mein Schiff kommen und mich in meine Heimat zurückbringen wird.“

Mohan verstand nicht, was das bedeutete. Er wusste, dass Gurudeva aus Südindien kam, aber warum wollte Gurudeva per Schiff nach Südindien zurückkehren? Es gab doch angenehmere Reisemöglichkeiten.

Während Gurudeva und Mohan nach Puri gingen, erwähnte Gurudeva gelegentlich das Schiff, das ihn zu seinem Ursprungsland zurückbringen würde. Und Mohan dachte weiterhin, dass es komfortabler für Gurudeva wäre, mit dem Zug zu fahren. Aber er schlug seinem Meister dies nicht vor. Er dachte, dass die Reisepläne seines Gurus nicht seine Angelegenheit seien und wollte nicht dreist sein.

Als sie schließlich die heilige Stadt Puri erreichten, hatte der betagte Guru Mohan schon viele heilige Stätten gezeigt. Die eindrucksvollste von ihnen war der Jagannatha Tempel – das Heim des Herrn des Universums. Sie betraten das Heim des Herrn immer durch das Osttor, das Löwentor.

Dann, zwei Wochen nach ihrer Ankunft, hatte sich Gurudeva ein Fieber zugezogen, das seine alte Hülle sehr schwächte. In dieser Zeit verstand Mohan endlich, was Gurudeva ihm die ganze Zeit hatte sagen wollen. Am Tag nach dem Ratha Yatra hatte Gurudeva Mohan an seine Seite gerufen. Seine fiebrigen Augen waren von Freude erfüllt gewesen, als er mit bebender Stimme gesagt hatte: „Mein Schiff ist gekommen, mein Sohn. Singe die Namen unseres Herrn, um den Wind zu erzeugen, der mich in meine ewige Heimat tragen wird!“ Dann hatte Gurudeva selbst liebevoll ausgerufen: „He Gopal!“ und war auf der sich zurückziehenden Welle mit in die spirituelle Welt geritten.

Mohan hatte dabei geholfen, den Körper seines spirituellen Meisters nach Svarga-dvara zu tragen, wo sein Körper eingeäschert und seine Asche in den heiligen Ozean geworfen wurde. Dann war er in sein Heimatdorf in der Nähe von Devaprayag zurückgekehrt.

Die Leute hatten natürlich von Gurudevas Aufbruch gehört und deshalb misstrauten sie jetzt Mohans Freude. Innerhalb von einem Jahr hatte Mohan seine Frau, seine Kühe und jetzt seinen Guru verloren. Außerdem hatte er inzwischen auch sein Zuhause verloren, da das Land, auf dem er gearbeitet hatte, nicht sein eigenes gewesen war            und er die Pacht dafür nur hatte zahlen können, indem er die Milch seiner Kühe verkauft hatte.

Gerüchte waren im Umlauf. Der Schlimmste beschuldigte Mohan, seinen Guru vergiftet zu haben, um dessen Geld an sich zu nehmen. Schließlich konfrontierten Mohan zwei Dörfler: „Da ist etwas, das du uns verschweigst. Die Dorfleute haben uns geschickt, damit wir herausfinden, wie du angesichts solch traumatischer Verluste so glücklich sein kannst.“

Mohan war dankbar für die Gelegenheit über das zu sprechen, was ihn so inspirierte. Sein Leben hatte sich durch eine Lehre verändert, die ihm Gurudeva eine Woche vor seinem Abschied gegeben hatte. Gurudeva hatte ihm sogar mehr als eine verbale Unterweisung gegeben. Er hatte ihm einen Bleistift gegeben.

Die Sonne begann unterzugehen und die Temperatur sank. Mohan lud die zwei Männer in seine Hütte ein. Unsicher folgten sie ihm in seine Hütte und ließen sich auf den Sitzen in der Nähe des Feuers nieder, die er ihnen anbot. Dann fing er an.

„Bitte hört gut zu, was Gurudeva mir beigebracht hat. Es hat mein Leben verändert. Ich danke euch, dass ihr es mir gestattet, darüber zu sprechen. Nachdem ihr die Möglichkeit hattet, über das was ich euch erzählen werde nachzudenken, erklärt es bitte den anderen Dorfleuten. Das Geschenk eines Bleistiftes kann das Leben eines jeden hier verändern.

Gurudeva bemerkte recht zeitig in unserer Beziehung, dass ich ein langsamer Schüler war. Obwohl der Herr alles von mir genommen hatte, hielt ich weiter an meinen materiellen Plänen fest. Erst als Gurudeva mich einlud ihn nach Puri zu begleiten – er sagte, ein Schiff warte dort auf ihn – war ich bereit unser Dorf zu verlassen und etwas Neues zu erfahren. Ich hatte das Gefühl, dass er auf seiner Reise Hilfe benötigen würde und da ich hier keine Verpflichtungen mehr hatte, dachte ich: ‚Warum sollte ich nicht seine Tasche tragen?’

Aber in Puri wurde er krank. Er bereitete sich auf seine ‚Schiffreise’ nach Hause vor. Kurze Zeit bevor er starb, gab er mir einen Briefumschlag und sagte: ‚Öffne ihn erst, wenn ich an Bord meines Schiffes bin.’

Nach seinem Tod öffnete ich den Briefumschlag und fand darin einen Bleistift und eine handgeschriebene Nachricht. Ich werde euch diese Nachricht vorlesen. Gurudeva hat sie eigenhändig geschrieben – wahrscheinlich mit diesem Bleistift:

‚Mein lieber Schüler, ich habe das Gefühl, dass ich dir das, was du im Leben wissen musst, am Besten mit einer Analogie erklären kann. Du warst nicht der schnellste meiner Schüler, aber du hast ein gutes Herz und ich denke, du wirst das, was du lernen musst, schnell lernen, wenn du tief über diesen Bleistift nachdenkst.
 
Der Bleistift lehrt dich, ab und zu innezuhalten und deine Werkzeuge zu schärfen, damit sind Geist, Körper und Seele gemeint. Genau, wie ein Bleistift gespitzt werden muss, müssen wir uns durch spirituelle Praxis spitzen. Nur dann können wir fokussiert genug werden, um dem Herrn unsere volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Zweite Lehre: Fürchte dich nicht, du selbst zu sein. Lerne voller Freude deinen eigenen Beitrag im Leben zu leisten. Jeder Bleistift hat seine bestimmte Linie zu zeichnen. Diese Linie wird zu Worten – konkreten Worten – und diese Worte bilden eine einzigartige Mission: deine Lebensgeschichte. Fürchte dich nie deine bestimmte Linie zu zeichnen, lebe dein Leben.

Drittens: Der Bleistift lehrt dich, dass das Innere wichtiger ist als das Äußere. Mit anderen Worten: die Seele ist wichtiger als der Körper. Bei einem Bleistift schätzen wir die Miene im Zentrum mehr als das tote Holz, das sie umgibt. Vergiss niemals, dass du eine ewige Seele bist, die einen zeitweiligen Körper bewohnt, genauso wie die Miene und die Botschaft, die sie erzeugen kann, das Holz bewohnen.

Viertens: Wenn du einen Fehler machst, dann korrigiere ihn sofort. Jeder gute Bleistift – und dieser ist keine Ausnahme – hat einen Radiergummi am Ende. Immer wenn man mit dem einen Ende einen Fehler macht, kann man ihn mit dem anderen Ende wegradieren. Lerne vom Bleistift, dass es nicht würdelos ist Fehler zu korrigieren. Nein, deine Fehler zu korrigieren ist sogar deine Pflicht. Du solltest ihr nachgehen, sobald du den Fehler bemerkst. Fürwahr, es ist nicht nur eine Pflicht Fehler zu korrigieren, es ist eine Ehre.

Fünftens: Du magst im Leben große Werke vollbringen, doch vergesse nie die Hand, die dich führt. Genauso wie der Bleistift nie stolz ist und denkt, er habe ein Buch geschrieben, sollten wir den Verdienst Gott zuschreiben und danach streben demütige und willige Werkzeuge zu werden, indem wir uns seinem Plan hingeben.

Mein lieber Schüler, denke täglich über mein Geschenk an dich nach, die fünf Lehren des Bleistiftes. Während du diese Lehren anwendest, wirst du bemerken, wie sich die Weisheit, die in ihnen steckt, mehr und mehr entfaltet. Letztendlich wirst du zu viel größeren Lehren geführt werden, als die, die der Bleistift dir geben kann. Zu diesem Zeitpunkt wirst du vielleicht einem anderen Schüler, der langsam ist, aber ein gutes Herz hat, das Geschenk eines Bleistiftes machen wollen.
Auf allezeit dein Wohltäter,
Jagannatha-nandana Swami, den du als Gurudeva kennst.’“

Mohan schaute von dem Zettel hoch, auf dem Gurudeva seine einfache Botschaft niedergeschrieben hatte. „Jetzt wisst ihr, warum ich so glücklich bin.“ sagte er, dabei zitterte seine Stimme, von Gefühlen überwältigt. „Ich praktiziere Gurudevas Lehren und entdecke jeden Tag Neues. Wenn die Dorfleute Fragen haben, sind sie herzlich eingeladen sie mir zu stellen.“

Von diesem Tag an kamen jeden Tag einige Dorfleute zu Mohans Hütte, um ihn um spirituellem Rat zu bitten und irgendwie konnte Mohan ihnen verwirklichte Antworten geben. Besonders hatte er es sich zum Prinzip gemacht seine Werkezeuge zu spitzen, in dem er regelmäßig Gottes Namen chantete und in heiligen Büchern las. Aber die einfachen Lehren des Bleistiftes vollbrachten Wunder für alle Dorfbewohner.

Bald schrieb einer der Bergleute diese fünf Lehren auf, zeigte Mohan sein Werk und bat ihn  nötige Verbesserungen vorzunehmen. Bei seinem nächsten Besuch in der Stadt Haridwar, bat er einen Freund, der eine einfache Handdruckerei besaß, sie zu drucken.

Der Inhalt dieser fünf Lehren ist nichts weniger als die tiefe Weisheit der uralten Kultur der Veden – in ein Format gebracht, das            einfach anzuwenden ist und sofortigen Nutzen bringt. Aus diesem Grund wurden diese sonderbaren Seiten wieder und wieder kopiert und jene, die ihre Lehren anwandten, konnten sehen, wie ihre Leben wie durch ein Wunder erhoben wurden.

Hier sind die fünf Lehren für dich:

Die fünf Lehren des Bleistiftes

Lehre 1: Regeneriere dich regelmäßig – körperlich, psychisch und spirituell. Lebe in sattva.

Lehre 2: Entdecke deine besondere Mission und Bestimmung und führe sie aus. Lebe dein dharma.

Lehre 3: Sei immer mit deinem tiefsten Selbst verbunden – der Seele. Lebe im atma.

Lehre 4: Höre auf dein Gewissen und korrigiere Fehler. Bleibe in der höheren Verbindung – geführt vom paramatma.

Lehre 5: Entwickle deine Liebe zu Gott. Lebe in bhakti.

 

Epilog

Mein spiritueller Meister Srila Prabhupada gab mir einen „Bleistift“ – einfache Unterweisungen, durch die ich mein Leben ändern konnte. Drei Jahre vor seinem Verscheiden rief er mich in sein Zimmer und gab mir die Möglichkeit ihm einfache Dienste zu erweisen. Damals sagte er mir: „Du solltest ein guter Schüler sein, ein guter Lehrer, ein Diener, der anderen in ihrer spirituellen Entwicklung hilft, und du solltest in deinem spirituellen Leben autonom sein – völlig abhängig von Krsna.“
Ich bete, dass diese Unterweisungen mein Leben für immer formen mögen.

Sri Gurudeva Srila Prabhupada ki jaya

 

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